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SCHULD UND SÜHNE

Der Film „Das unbekannte Mädchen“ der Brüder Dardenne fragt nach Schuldigen und sucht deren Erlösung

Eine Schnellstraße. An diese anschließend, Menschenleben. Der Kaffee wird mit Nescafémischung im Topf gekocht, ein Mann leidet unter einem unbehandelten entzündeten Bein, weil im Krankenhaus sein Pass verlangt wird, Mütter mit Alkoholproblemen, Kinder mit stressbedingten Magenverstimmungen. Dies ist das Milieu, auf das die Brüder Dardenne in ihrem neuen Film „Das unbekannte Mädchen“ den Blick richten. Dazwischen steht die junge Ärztin Jenny Davin, gespielt von der französischen Schauspielerin Adèle Haenel, die auf die glamourösere Stelle in einer Gemeinschaftspraxis verzichtet und stattdessen eine Praxis für Kassenpatient*innen übernimmt.
Eine Stunde nach Dienstschluss klingelt es an der Tür. Dr. Davin raunzt ihren Praktikanten an er solle jetzt nicht öffnen, so komme er nie zum Schlafen und sowieso sei er schon zu unkonzentriert. An der Tür das Mädchen, das am nächsten Tag tot am Fluss aufgefunden wird – ermordet.

Das unbekannte Mädchen könnte noch leben, hätte Davin die Tür geöffnet, ist die junge Ärztin überzeugt. Was nun folgt, bestimmt den gesamten Film: Ein Versuch der Wiedergutmachung und der Beruhigung des eigenen Gewissens. Dr. Davin beginnt auf eigene Faust nach der Identität des Mädchens zu suchen, wird bedroht und auch von der Polizei zurechtgewiesen, dass sie die Ermittlungen nur erschwere. Dass aber gerade sie letztlich diejenige ist, bei der die Zeug*innen ihr Gewissen erleichtern, da sie der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt, ist geradezu ironisch.

Die Brüder Dardenne haben einen stillen Film geschaffen. Im Fokus stehen die beiden Frauen, die Ärztin und das ermordete Mädchen, dessen Foto Davin immer wieder Menschen zeigt. Während die Tote in der immer gleichen angstvollen Mimik des Fotos verhaftet bleiben muss, changiert auch Haenel als Dr. Davin kaum in ihren Gesichtsausdrücken. Sie brilliert als wenig lächelnde, ernste Ärztin, die genau weiß, dass in ihrem Beruf starke Emotionen fehl am Platz sind. So wird der Film auch von Stille getragen. Es gibt keine Musik, nur das Rauschen der Schnellstraße, das schwere Atmen von Patient*innen und natürlich die Klingel, die die Stille jedes Mal wie ein böses Omen zerreißt. Am Ende ist es sie, die Klingel, die die Lösung bringt und damit die Läuterung.

Eine bedrückende Milieustudie, die ins Herz des zeitgenössischen Europas trifft, das die Tür lieber geschlossen hält und später mit den Konsequenzen leben muss.

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